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Ländlicher
Arbeitsmarkt und Auswanderung auf Fehmarn im späten 19. und frühen 20.
Jahrhundert By Jan Wieske Der Fehmarnsund wirkte über lange Zeit in vielerlei Hinsicht wie ein Sperriegel. Im 19. Jahrhundert konnte er unter anderem als Grenzmarkierung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Agrarverfassungen angesehen werden, der Fehmarns einer- und der des festländischen Ostholsteins andererseits. In der sogenannten "Grafenecke" dominierten Gutswirtschaft und Großgrundbesitz. Der auf Fehmarn vermutlich bereits seit dem frühen 15. Jahrhundert praktizierte, uneingeschränkte Handel mit Land sowie die confirmatio libertatis von 1617 wirkten einer Bildung von Gütern insbesondere durch Adlige entgegen. Entsprechend der hieraus resultierenden bzw. gesicherten Sonderentwicklung in Agrar- und Kommunalverfassung war auf der Insel auch die Zusammensetzung der Landarbeiterschaft eine ganz andere als im übrigen Ostholstein: Hoftagelöhner - Insten im gutswirtschaftlichen Sinne - oder Deputatisten gab es gar nicht oder nicht in bemerkenswertem Umfang. Vorherrschend im fehmarnschen Agarsektor waren Gesinde- und Freiarbeit, d. h. Dienstboten und Tagelöhner. Der auf der Insel einseitig betriebene Körnerbau, die stark kapitalistische, auf raschen Umsatz des Betriebskapitals gerichtete Wirtschaftsweise fehmarnscher Landwirte sowie das dementsprechend große Bestreben, die Ernte noch vor Eintritt des Winters und der damit verbundenen Einschränkung der Schiffahrt in den Handel zu bringen, hatten zudem bereits vor 1800 eine saisonalisierte Arbeitsverfassung mit jahreszeitlich stark differierendem Arbeitskräftebedarf entstehen lassen. Otte schreibt, daß zur Ernte Hunderte von Arbeitern aus benachbarten holsteinischen Gegenden auf den Feldern Fehmarns Beschäftigung fanden, da das Reservoir einheimischer Kräfte allein den Bedarf nicht decken konnte. Viele der fremden Arbeiter wurden anschließend für den Drusch übernommen. In Verbindung mit der Beschäftigung von Wanderarbeitern steht vermutlich die frühe Monetarisierung der Ernte- und Drescherlöhne auf Fehmarn. Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert wurden Erntehelfer im Akkord, einer im Vorfeld der Ernte vereinbarten Summe, bezahlt und der übliche Naturalanteil der Drescharbeiter am gedroschenen Korn von der Landschaftlichen Versammlung nach jeder Ernte in ein "Tonnengeld" umgerechnet und festgesetzt. Für die einheimischen Tagelöhner bedeutete der beschleunigte Drusch auf der Insel geringere Aussichten auf ganzjährige Beschäftigung, "da außer den schwerern landwirtschaftlichen Verrichtungen, welche wiederum hauptsächlich auf die Bestellung der Ernte und das Dreschen sich einschränken, [...] nicht viel Gelegenheit auf der Insel sich findet" (Otte). Winterliche Arbeitslosigkeit, die Schattenseite der Freiarbeit, war somit auf Fehmarn schon am Eingang in das 19. Jahrhundert kein unbekanntes Phänomen - im Gegensatz zum holsteinischen Festland, wo die überwiegende Zahl der Tagelöhner per Kontrakt in den Gutsbetrieb integriert , d. h. abhängiger war, dafür jedoch ein höheres, saisonunabhängiges Maß existentieller Sicherheit genoß. Wie in Dithmarschen überwogen also auf Fehmarn freie, d. h. nicht kontraktgebundene Arbeitsverhältnisse. Die Bedingungen einer frühzeitig kommerzialisierten und monetarisierten Landwirtschaft standen hier wie dort der Entwicklung paternalistischer Sozialbeziehungen entgegen. Herrschaftlich geprägte Fürsorgeverpflichtungen landwirtschaftlicher Arbeitgeber gegenüber ihren Arbeitern waren denn auch auf Fehmarn im 19. Jahrhundert kaum zu finden. Zeitgenössische Beobachter bemerkten stattdessen eine deutlich polarisierte Sozialstruktur, eine große wirtschaftliche, soziale und kulturelle Distanz zwischen Bauern und Landarbeiterschaft. Im Jahr 1847 heißt es beispielsweise: "Den Standesunterschied zwischen Begüterten und Besitzlosen kann man einen schroffen nennen. Selbst beim Gange zum Abendmahl wird noch an einigen Orten die Rangordnung genau beobachtet. Der Sohn eines Hofbesitzers, Landmanns, heirathet nicht leicht die Tochter eines Tagelöhners und ist die Heirath der Kinder oft Sache der Berechnung der beidseitigen Eltern. Der Landmann fühlt sich dem Städter gleich, achtet seinen Stand sehr und sieht die Heirath seiner Tochter mit einem Handwerker als ein unerfreuliches Ereigniß an. Es ist nirgends Gebrauch, daß Söhne und Töchter von Begüterten bei Andern als Knechte oder Mägde dienen. Das Verhältniß zwischen Brodherrschaft und Gesinde ist mehr und mehr ein rechtliches geworden; der Wechsel im Dienst häufiger, als sonst. Bei den vornehmern Landleuten ißt das Gesinde nicht mehr mit ihnen an einem Tische; bei den minder Hochstehenden geschieht solches noch. Das Gesinde redet die Brodherrschaft mit »de Herr,« »de Fru« - »will he,« »will se« - an; umgekehrt mit »Du.«" Einzelnen Geld- und Landreichen, einer kleinen, einflußreichen "Geldaristokratie" (Hanssen), standen auf Fehmarn viele arme Personen gegenüber: verschuldete kleine Landbesitzer, Insten (d.h. für Fehmarn: Hausbesitzer ohne ein bestimmtes Maß an Land), Besitz- und Arbeitslose. Diese minderbemittelten Bevölkerungsschichten wurden durch die auf Fehmarn hohen Lebenshaltungskosten in besonderem Maße getroffen. Ein ständiges Problem waren die auf der waldarmen Insel herrschenden Preise für Heiz- und Baumaterial. In vielen Haushalten wurde mit getrocknetem Mist geheizt. Neben der Tatsache, daß Holz erst per Schiff geliefert werden mußte, steigerten allgemein hohe Grundpreise die ortsüblichen Mieten. Verschuldete, kleinere Landbesitzer und Insten litten darüber hinaus unter einem hohem Zinsniveau, das sich aus der Vermögenskonzentration auf Seiten der "Geldaristokratie" ergab. Fälle von Wucher waren keineswegs selten. Kleine Eigentümer gerieten hierdurch teils in Abhängigkeit, teils verloren sie ihr Land. Die Tatsache, daß wohlhabenden und auf der lokalen Ebene politisch einflußreichen Landbesitzern eine umfangreiche Schicht eingesessener Tagelöhner gegenüberstand, die von ihrem Jahreseinkommen aufgrund geringer ganzjähriger Beschäftigungschancen und hoher Lebenshaltungskosten nur mühsam eine Familie ernähren konnte, führte auf Fehmarn zwar nicht wie andernorts zum Ausbruch größerer Revolten. Gleichwohl gab dort um 1850 nicht nur der Konflikt mit Dänemark, sondern auch die lokale, polarisierte Sozialstruktur so manchem Einheimischen Anlaß zur Sorge: So verzeichnet die Burger Gemeindechronik 1848 "allerlei Unruhen und Ungebührlichkeiten" gegen Beamte und Wohlhabendere, 1849 eine fortdauernde "Spannung zwischen den Begüterten und den Insten und kleinen Leuten". Zu jener Zeit bildeten sich auch in den ländlichen Kirchspielen zumindest zeitweilig erste Arbeitervereine. Der fehmarnsche Amtmann bemerkte gar 1851, der Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen hätte "namentlich unter den kleinen Leuten die nationalen Gegensätze fast verschwinden lassen". Die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstärkende Mechanisierung und Technisierung von Arbeitsgängen bedeutete für die fehmarnsche wie für die schleswig-holsteinische Landwirtschaft einen einschneidenden Wandel. Bereits vor 1850 waren erste Maschinen zur Kornreinigung, zum Buttern, Häckselschneiden, Mähen sowie Dreschen entwickelt worden. Sie alle ersetzten Hand- durch mechanisierte Drehbewegungen. Nächster Schritt dieser Entwicklung war der Antrieb über Pferde-Göpel und später Dampfmaschinen. Brauchbare und finanzierbare Modelle von Landwirtschaftsmaschinen kamen allerdings erst in größerer Zahl auf den Markt, nachdem um 1850 neue Fabrikationsverfahren entwickelt worden waren. Für Fehmarn hatte vor allem die Technisierung des Dreschvorgangs beträchtliche Folgen. Zwar waren nachweislich auch Mähmaschinen auf Fehmarn im Gebrauch, doch im Unterschied zur Heuernte wurde bei der Getreideernte noch nach 1900 sehr häufig mit der Sense gearbeitet. Die Technisierung des Mähens erreichte demnach vor dem ersten Weltkrieg nicht die Ausmaße und hatte entsprechend geringere Auswirkungen auf den ländlichen Arbeitsmarkt wie die Fortentwicklung der Dreschmaschinen. Durch Pferdekraft angetriebene Dreschmaschinen verbreiteten sich auf der Insel, wie Annoncen im Fehmarnschen Wochenblatt belegen, schon in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre und begannen die Arbeit mit dem Dreschflegel zu verdrängen. Obgleich noch zu Beginn der siebziger Jahre Hand- und Pferdedreschmaschinen verkauft und vermietet wurden, war der Übergang zum Antrieb durch Dampf bereits absehbar. Bereits 1869 war im Westerkirchspiel eine Dampfdreschmaschine im Betrieb, wenngleich der Text eines Inserats verrät, daß dieser noch nicht pannenfrei verlief. Drei Jahre später wurden in Burg Interessenten für den genossenschaftlichen Betrieb einer Dampfdreschmaschine zu einer Versammlung geladen. Offensichtlich fand sich eine ausreichende Anzahl; denn der Burger Kaufmann J. A. Bundies erinnert sich, daß er in jenem Jahr die Vertretung einer entsprechenden Genossenschaft übernahm. Doch schreibt er auch, daß die Erfolge dieser ersten Maschinen noch recht unbedeutend gewesen seien, da Reinigung und Sortierung des gedroschenen Getreides nach wie vor durch andere Hilfsmittel besorgt werden mußten. Erst als 1878 die ersten englischen Maschinen eingeführt wurden, die mit Reinigungs- und Sortierungsapparaten versehen waren, sei man fast allgemein zur Benutzung derselben übergegangen. Die zeitlichen Angaben Bundies` werden im wesentlichen bestätigt durch einen Bericht über die landwirtschaftlichen Verhältnisse auf der Insel, der am 24.11.1889 im Fehmarnschen Wochenblatt erschien: "An landwirtschaftlichen Maschinen sind in diesem Jahr 4 Dampfdreschmaschinen neben den in Arbeit befindlichen 2 Maschinen in Betrieb gesetzt, und haben einzelne Landleute ihren Weizen sofort nach dem Mähen auf dem Felde abgedroschen, und holen jetzt das daselbst zusammengesetzte Stroh nach den Scheunen, während der Weizen von dort sofort an den Markt gebracht worden ist. Die Maschinen haben bis Eintritt schlechten kalten Wetters bei den verschiedenen Landleuten Beschäftigung, und werden reichlich dreißig Fuder Getreide täglich, für den Preis von dreißig Mark für die Maschine abgedroschen; außerdem sind für Kohlen, Öl und Arbeiter zu bezahlen; aber trotz der großen Kosten wird es billiger als mit den Maschinen durch Pferde-Göpel betrieben, welche vielfach zurückgesetzt werden." Maßgeblich für die hohe Nachfrage nach maschinellem Drusch war offenbar das von F. W. Otte schon vor 1800 festgestellte Interesse fehmarnscher Bauern, ihre Ernte möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Diesem Bedürfnis kam besonders die Entwicklung sog. Lokomobile, d. h. transportabler Dampfmaschinen, entgegen. Die Tatsache, daß sich so Dreschsätze von Hof zu Hof fahren ließen, ja sogar schon auf den Feldern mit dem Dreschen begonnen werden konnte (das sog. "Aus-den-Hocken-Dreschen"), führte auf Fehmarn wie andernorts nicht nur zur Entstehung von Genossenschaften, sondern auch spezieller Lohnunternehmen im Dreschgeschäft. Wie schnell die profitablen Chancen der neuen Technik auch von fehmarnschen Kaufleuten erkannt wurden, zeigen im Burger Stadtarchiv überlieferte Verzeichnisse für Dampfkesselanlagen in der Stadt: Während im Jahr 1879 nur eine Lokomobile erwähnt wird, waren es 1882 bereits sechs. Zwei Kaufleute hatten sich jeweils zwei Maschinen angeschafft, für die ausdrücklich vermerkt wird, daß mit ihnen Gewerbe "im Umherziehen" betrieben wird. Es darf davon ausgegangen werden, daß sie vor allem zum Dreschen verwandt wurden, ebenso wie es das Verzeichnis von den übrigen beiden Lokomobilen sagt. Inwieweit die Zahl der Dreschsätze in den achtziger Jahren weiter zunahm, läßt sich im einzelnen leider weder für Burg noch für die Landschaft rekonstruieren. Daß ihre Zahl in dieser Zeit erheblich anwuchs, unterliegt keinem Zweifel; denn 1892 ist mit Bezug auf Fehmarn von 24 Dampfdreschmaschinen die Rede. Diese Angabe wird von einer Flugschrift aus dem frühen 20. Jahrhundert bestätigt, in der es allgemeiner heißt, vor dem ersten Weltkrieg wären 25 Maschinen auf der Insel in Betrieb gewesen, mehr als dreimal so viel wie im übrigen Kreis Oldenburg. Angesichts dieser beachtlichen Dichte für ein Gebiet von weniger als 20.000 ha, wird es kein Zufall gewesen sein, daß teilweise Besitzer ihre Maschinen in Anzeigen des Fehmarnschen Wochenblatts "billigst" oder "zum billigsten Konkurrenzpreis" anboten. Eine weitere Verfeinerung erfuhr das Dampfdreschen am Anfang der neunziger Jahre durch die Strohpresse. Im Jahr 1893 wurde sie auf Fehmarn eingeführt und setzte sich schnell durch, weil sie eine Vermarktung der Ernte buchstäblich bis zum letzten Halm ermöglichte. Mit der allgemeinen Durchsetzung elektrisch angetriebener Maschinen war freilich die Zeit der "Dampfdöscher" vorüber. Allerdings war dies auf Fehmarn erst nach 1914 der Fall. Zwar sollte der heutige Betrachter nicht dem Eindruck verfallen, daß beim Eintritt in das 20. Jahrhundert das Dreschen mit Dampfmaschinen auf Fehmarn wie in Schleswig-Holstein auf allen Stellen üblich war - immerhin standen im Jahr 1907 in der Provinz 377 Dampfdreschsätzen 11.648 Göpelmaschinen gegenüber -, doch selbst wenn sich das Mieten eines dampfgetriebenen Dreschsatzes vor allem für größere Betriebe rechnete, blieben massive Veränderungen für den landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt nicht aus. So fährt der bereits zitierte Wochenblatt-Bericht von 1880 fort: " Die Arbeiter sind in dieser Jahreszeit, wo jeder rasch sein Korn aus dem Stroh wünscht, immer knapp und bei den Dampfdreschmaschinen arbeiten viele Auswärtige; dagegen sind die Aussichten für den Winter für hiesige Arbeiter leider nicht gut und können die gewöhnlichen Arbeiten in Landhaushaltungen von dem Gesinde leicht bewältigt werden." Bei der einseitigen Ausrichtung auf den Getreidebau war der Arbeitskräftebedarf der fehmarnschen Landwirtschaft bereits beim Eintritt in das 19. Jahrhundert stark saisonalisiert. Für die einheimischen Freiarbeiter stellte in diesem System die Drescharbeit praktisch die einzige Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeit während des Winters dar. Selbst diese Möglichkeit war nicht sonderlich groß: Die Beschleunigung des Drusches war vielen Landwirten bereits vor 1850 ein besonderes Anliegen. Man experimentierte mit neuen, schnelleren Dreschmethoden oder stellte bevorzugt die im "Rufe rascherer Arbeiter" stehenden holsteinischen Erntehelfer ein. Ein Beobachter der fehmarnschen Ernte von 1848 schreibt: " Gleich nach der Ernte wird mit allen Kräften beim Dreschen des Korns angefangen und ununterbrochen damit bis Oktobermonat fortgefahren, bis alles Korn aus dem Stroh ist. Dadurch erhalten hier die kleinen Leute im Winter, da für sie alsdann gar keine Arbeit vorhanden ist, eine sehr gedrückte Lage." Mit der steigenden Zahl und der schließlich hohen Dichte von Dampfdreschmaschinen auf der Insel wurde die landwirtschaftliche Arbeit auf Fehmarn vollends zur Saisonarbeit. Die schon in den Jahrzehnten zuvor mangelhaften Aussichten einheimischer Tagelöhner auf Arbeit im Winter sanken auf nahezu null. Die "Dampfdöscher" erledigten auf den einzelnen Stellen die Arbeit, die zuvor Wochen und Monaten im Anspruch genommen hatte, innerhalb weniger Tage. Zwar wurde zur Bedienung eines Dreschsatzes eine nicht unbeträchtliche Zahl an Kräften benötigt, doch bestand dieser hohe Bedarf nur begrenzt, nämlich während eines auf wenige Wochen nach der Ernte verkürzten Zeitraums, der "Dreschkampagne". Das auf Fehmarn vielen Arbeitern schon bekannte Phänomen winterlicher Beschäftigungslosigkeit freier Arbeiter erreichte mit der Einführung der Dampfdreschmaschine eine neue Dimension: Der Tagelöhner könne in bestimmten Perioden beim besten Willen nichts verdienen, heißt es in einem Visitationsbericht von 1881, weil eben keine Arbeit vorhanden sei. Verschärfend wirkte damals, daß die Löhne der fehmarnschen Landarbeiter nach 1877 stark eingebrochen waren. Wie der Landwirtschaftliche Generalverein der Provinz 1878 feststellte, hatte "die Geschäftslosigkeit, die in den meisten Beziehungen herrscht, [...] die Arbeiter, welche jahrelang vorzugsweise den Städten zuströmten, wieder mehr der Landwirtschaft zugeführt", so daß sich derselben mehr als genug Kräfte anboten. Für die fehmarnschen Tagelöhner wurde es in dieser Zeit noch schwerer ein hinreichendes Jahreseinkommen zu erzielen. Der Landkirchener Pastor nannte 1881 die Zustände in seinem Kirchspiel teilweise beklagenswert. Die traurige Lage der freien Arbeiter bewirkte nach seinen Angaben die Auswanderung ganzer Scharen von Familien nach Amerika. Auch sein Amtsbruder in Petersdorf führte es auf "die schlechte Zeit" und den "Mangel an Arbeit während der Wintermonate, der noch gesteigert worden ist, nachdem in den letzten beiden Jahren die Dampfdreschmaschine auch hier im Kirchspiel Eingang gefunden", zurück, daß die Zahl der Auswanderungen, insbesondere jüngerer Kräfte, das bis dahin gekannte Maß weit überstieg: " Daß die Zahl der Auswanderer nicht noch größer ist, liegt nur daran, daß z. T. die Geldmittel fehlen, z. T. die Leute ihre Wohnungen usw. nicht verkaufen können, weil es an Kaufliebhabern fehlt. So habe ich in diesem Frühjahr gehört, daß z. B. der dritte Teil aller Einwohner aus Lemkendorf auswandern würde, wenn sie nur ihren Besitz hier nach Wunsch verwerten könnten." Von starker Auswanderung nach Amerika war auch 1884, in den nächsten Berichten der Pastoren, die Rede. Und tatsächlich sanken die absoluten Bevölkerungszahlen der Kirchspiele im Zeitraum 1880-1885 teilweise beträchtlich. Am größten fällt der Rückgang im Kombinierten Kirchspiel mit über 7 % aus, gefolgt vom Westerkirchspiel mit einem Minus von 6,5 %. Dagegen bleibt die Bevölkerung im Mittelsten Kirchspiel, oberflächlich betrachtet, annähernd gleich, was allerdings nur die Angaben des Landkirchener Pastors bestätigt, der 1884 neben einer starken Auswanderung eine Einwanderung vieler Arbeiter aus Schweden, Schlesien und Ostpreußen feststellt. Da aus Petersdorf ebenfalls ein Auffangen des Bevölkerungsverlustes durch Zuzug von Außen gemeldet wird, lag auch im Westerkirchspiel die reale Auswanderung höher, als es die Bevölkerungsbilanz zeigt. Bevölkerungsentwicklung Fehmarns 1867-1910 a. Fehmarn insgesamt und Verhältnis Stadt Burg - Landschaft
Quelle:
Statistisches Landesamt: Bevölkerung, S.106-109; 114-117. b. Bevölkerungsentwicklung in der Stadt Burg sowie den einzelnen Kirchspielen bzw. Amtsbezirken
Quelle:
Statistisches Landesamt: Bevölkerung, S.106-109; 114-117. Nur wenigen Tagelöhnern war es in den Jahrzehnten zwischen preußischer Annexion und erstem Weltkrieg möglich, allein aus den Einkünften landwirtschaftlicher Arbeit den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu bestreiten. Da die Ersparnisse aus dem Sommer für den Winter nicht ausreichten , suchten viele Tagelöhner einen Nebenerwerb in anderen Betätigungsfeldern. Gewerbe und Industrie entwickelten sich jedoch auf der Insel nie stark genug, als daß hier hinreichend Beschäftigung zu finden gewesen wäre. Lediglich die Hafenbauten und Deicharbeiten auf der Insel brachten bis zum Beginn der achtziger Jahre Arbeitsgelegenheit in größerem Umfang. Der mit der Aufhebung der Gemeindeweiden einhergehende starke Rückgang der Schafhaltung auf Fehmarn bedeutete schon im beginnenden 19. Jahrhundert das Aus für eine vormals wichtige Einnahmequelle ärmerer Bevölkerungsschichten, die Fertigung von Wollstrümpfen. "Die Hoffnung der Arbeiter für den Winter" ruhte damit mehr und mehr auf dem Aufschlagen von Seegras (das nach dem Festland exportiert wurde, wo es als Füllmaterial für Matrazen Verwendung fand) und der Fischerei. Mit der Einführung der Dampfdreschmaschine wuchs zwar die kurzfristige Nachfrage nach Drescharbeitern, da ein Teil des Drusches jetzt in der Erntezeit vorgenommen werden konnte. Hierdurch sowie durch die erhöhte Leistungskraft der Maschine verkürzte sich jedoch die Dreschzeit im Ganzen, d. h. die Einnahmen der Tagelöhner aus der Landarbeit sanken, während die Zeit, in der die Landwirtschaft keinen Bedarf an Freiarbeitern hatte, sich ausdehnte. Für immer mehr Tagelöhner wurde es daher nach 1875 schwierig, die nötigen Mittel zur Existenzsicherung aus eigener Kraft aufzubringen. Besonders in langen, strengen Wintern wie dem von 1886 spitzte sich die Situation in Teilen der ländlichen Unterschicht zu: " Der anhaltende strenge Winter und die durch denselben bedingte Arbeitslosigkeit Vieler haben in manchen Familien die Not auf den Höhepunkt getrieben. In vielen, sehr vielen Familien fehlt es am Nöthigsten: Die Ersparnisse sind aufgezehrt, Lebensmittel und Feuerung ist nicht vorhanden, an vielen Stellen herrscht außerdem Krankheit und Siechtum [...]." (Wochenblatt, 3.3.1886) Die bedrängte Lage zahlreicher Familien hatte bereits im Winter 1878/79 einige Bürger Burgs zur Gründung eines "Comites zur Unterstützung Notleidender" veranlaßt, das bis ins 20. Jahrhundert hinein den Betrieb von Volksküchen - ab 1893 Kinderspeisungen - organisierte, wenn seine Mitglieder dies angesichts anhaltenden Frosts für angebracht hielten. Die Gründung des Komitees stieß nicht nur auf Lob. Ein Fonds für Notleidende sei, so ein Kritiker im Wochenblatt, nicht zweckmäßig, "da schon die Kunde seiner Existenz nicht dazu beiträgt, den Bedürftigen zu eigner Tätigkeit anzuspornen". Die Befürworter machten als ihre Gegner vor allem ländliche Arbeitgeber aus: " Und weshalb wollen sie von einer Unterstützung nichts wissen? Bloß deshalb, weil die Arbeitskraft ihnen verteuert wird. [...] Sie fürchten also, daß Ihr Geldsack darunter leiden werde, wenn man dem notleidenden Mitbürger ein Stück Brot gibt." In der Tat scheint die hohe Beschäftigungslosigkeit unter Tagelöhnern außerhalb saisonalen Arbeitsspitze zu einem außerordentlich niedrigen Lohnniveau geführt zu haben. 1876, aber auch in den neunziger Jahren wurde festgestellt, daß ländliche Freiarbeiter im Winter nirgendwo in der Provinz weniger verdienten als auf Fehmarn (Jahresbericht des Landwirtschaftlichen Generalvereins 1876; 1899 veröffentlichete Erhebungen des evangelisch-sozialen Kongresses). Wenn in Jahren schwacher Industriekonjunktur wie 1877 oder 1881 das Angebot an Kräften so groß war, daß im Spätherbst auf einigen Stellen sogar nur für Kost [!] gearbeitet wurde, wird deutlich, wie manchem Arbeitgeber Wohlfahrtsmaßnahmen als unliebsame Konkurrenz erscheinen konnten. An den niedrigen fehmarnschen Tagelöhnen der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, die im Winter ihren Tiefpunkt (40-60 Pf) und zur Heuernte im Juli ihren Höhepunkt (90 Pf-1,20 M) erreichten - knapp die Hälfte der an der Westküste üblichen Sätze -, änderte sich anscheinend trotz zunehmender Aus- und Abwanderung von der Insel bis zur Jahrhundertwende nicht viel: Noch 1897/98 wurde Tagelöhnern im Winter mancherorts nicht mehr als 50-80 Pf gezahlt. Zwischen Mai und November bewegten sich die Sätze in der Spanne von 1-1,30 M. Zehn Jahre später sind demgegenüber Steigerungen festzustellen. In der Zeit von November bis Mai erhalten Freiarbeiter 1,20 M, den Rest des Jahres 1,40-1,80 M. Im Frühjahr der Jahre 1909/10 werden bereits 1,60 M pro Tag gegeben, im Herbst für das (eintägige) Laden von Dünger 2 M. Im Rahmen von 1,40-2 M bewegen sich ebenfalls die Tagelöhne für Feldarbeiten in den Jahren 1913 und 1914, so daß für die Zeit nach 1910 von einer Stagnation auszugehen ist. Im Gegensatz zum Teilarbeitsmarkt für Gesinde wird von den ländlichen Arbeitgebern Fehmarns niemals ein Mangel an eingessenen Tagelöhnern beklagt, sondern nur deren durch Fortzug der "besseren Kräfte" vermeintlich abnehmende Qualität. Dafür, daß selbst in Zeiten hoher Aus- bzw. Abwanderung genug Freiarbeiter für die Feldarbeiten in Herbst und Frühjahr vorhanden gewesen sein müssen, sprechen nicht nur die von 1870 bis zur Jahrhundertwende konstant niedrigen Lohnsätze, sondern auch die verhältnismäßig langen Arbeitszeiten am Ende der neunziger Jahre. Im 1899 veröffentlichten Bericht des evangelisch-sozialen Vereins zur Lage der Landarbeiter in der Provinz Schleswig-Holstein wird angemerkt, daß die Arbeitszeit für Tagelöhner auf Fehmarn sowohl im Sommer als auch im Winter eine längere sei als im übrigen Ostholstein: " Im Sommer beginnt dieselbige dort 4 Uhr morgens und endet 7 ½ Uhr abends [...]. Im Winter ist die Arbeitszeit dort eine 12stündige. - während die Mittagspausen überall 2 - 2 ¼ Stunden (im Winter kürzere) sind, werden auf Fehmarn nur Pausen von unbestimmter Dauer gewährt. - Die Arbeiter klagen hier auch darüber, daß die Herrschaften ihnen keine Zeit zur Vorbereitung auf einen »stillen Sonntag« lassen. Sie sind daher gezwungen, an den Sonntagen auf ihrer eigenen Wirtschaft zu arbeiten." Erst die erneut ansteigende Auswanderung nach 1900 scheint zumindest in der Bezahlung eine Veränderung gebracht zu haben. Im Unterschied zur Arbeit im Tagelohn zeichneten sich die Arbeitsverhältnisse des Gesindes - d.h. von Knechten und Mägden - dadurch aus, daß mit dem Dienstherrn Vereinbarungen für längere Zeiträume getroffen wurden. In der Regel für ein halbes oder ein ganzes Jahr erhielt der Dienstbote für seine Arbeit neben freier Kost und Unterkunft eine abgesprochene Summe sowie traditionell bestimmte Naturalien (Stiefel, Leinenstoff, Korn, Sand etc.). Das Gesinde wohnte also im Haus oder auf dem Hof des Arbeitgebers, war voll in den landwirtschaftlichen Betrieb integriert und verrichtete die dort ständig anfallenden Arbeiten wie die Besorgung des Haushalts oder die Pflege des Nutz- und Zugviehs. Rechtlich gehörte es zum Hausstand des Arbeitgebers und war den Regelungen einer speziellen Gesindeordnung unterworfen. Für die Dienstboten in Schleswig-Holstein galt nach der Annexion durch Preußen 1867 weiterhin die Gesindeordnung der alten Herzogtümer vom 25. Februar 1840. Sie behielt ihre Gültigkeit im wesentlichen bis 1918. Der Gesindedienst wurde darin als Übereinkunft definiert, "vermöge deren eine Person während einer zum Voraus bestimmten ununterbrochenen Zeit mit persönlicher Unterwürfigkeit gegen die Dienstherrschaft zur Verrichtung häuslicher und wirtschaftlicher Arbeiten und Dienste in ein Hauswesen aufgenommen wird, und dafür von der Herrschaft die Zusicherung einer Gegenleistung erhält." Die Ordnung verpflichtete das Gesinde, "ausser den speciell demselben obliegenden Leistungen, auf jede Weise nach Vermögen zur Erreichung der häuslichen Zwecke mitzuwirken, den Anordnungen der Dienstherrschaft in dieser Beziehung Folge zu leisten." Dem gegenüber war die Herrschaft verpflichtet, "nach bester Einsicht" sowohl für das leibliche wie auch für das sittliche Wohl des ihr unterstehenden Gesindes zu sorgen. Diese Formulierungen wurden im Laufe der Zeit keineswegs zu Worthülsen. Die Königliche Regierung zu Schleswig übernahm 1878 den Teil eines die preußischen Gesindeordnung verschärfenden Gesetzes aus dem Jahr 1854, mit dem "hartnäckiger Ungehorsam oder Widerspenstigkeit" gegen die Befehle der Herrschaft mit bis zu 15 M Geldstrafe oder 3 Tagen Haft bestraft werden konnten. Zwar gestand die schleswig-holsteinische Gesindeordnung dem Dienstherrn kein Züchtigungsrecht zu, doch war sie geprägt durch ein offensichtliches Ungleichgewicht zwischen den Rechten und Pflichten des Herrn und denen des Gesindes. Für die Dauer der auch auf Fehmarn meist mündlich geschlossenen Vereinbarung besaß die Herrschaft eine fast uneingeschränkte Verfügungsgewalt über die Arbeitskraft des Dienstboten. Zur Art der vom Gesinde zu verrichtenden Arbeiten sowie zur Arbeitszeit wurden von staatlicher Seite keine näheren Angaben gemacht, ebensowenig gab es einklagbare Mindeststandards bezüglich der Kost oder der Unterkunft. Zwar konnte ein Dienstbote bei Vertragsabschluß darauf bestehen, bestimmte Arbeiten nicht verrichten zu müssen, doch da es sich überwiegend um mündliche Absprachen handelte - und darüber hinaus das Prinzip persönlicher Unterwürfigkeit galt -, blieb für ihn im Konfliktfall die Durchsetzung der eigenen Position schwierig. Auch das Recht zur vorzeitigen Aufkündigung des Dienstvertrages war ungleich verteilt. Während die Gesindeordnung 16 Gründe auflistete, in denen die Herrschaft zur Entlassung von Dienstboten berechtigt war (u. a. nächtliches Ausgehen, mehrmaliges Betrinken), stand es dem Gesinde in nur vier Fällen zu, den Kontrakt vorzeitig aufzulösen, nämlich bei Mißhandlung und Rufschädigung, "Vorenthaltung der notwendigen Lebensbedürfnisse", unsittlichen Zumutungen sowie Fortzug der Herrschaft über die Grenzen Schleswig-Holsteins. Wie generell in Schleswig-Holstein war der Gesindedienst auch auf Fehmarn vor allem eine Durchgangsstation für ledige, junge Leute. Die Heirat war für viele Mädchen der Anlaß, den Dienst so schnell als möglich zu verlassen, sich fortan auf den eigenen Haushalt zu konzentrieren und allenfalls gelegentlich auf Höfen zu arbeiten. Für Knechte bildete ebenso die Gründung einer eigenen Familie oft den Anlaß, zur Arbeit im Tagelohn überzugehen; denn mit dem Jahreslohn eines Dienstboten war es in der Regel kaum möglich, eine Familie zu ernähren. In den Jahren nach 1867 wurde es für fehmarnsche Bauernstellen zunehmend schwieriger, ihren Bedarf an Dienstboten mit einheimischen Kräften zu decken. Ursache hierfür bildete zum einen die verstärkte Auswanderung junger Männer, die dem preußischen Militärdienst entgehen wollten, zum anderen die steigende Abwanderung junger Frauen in Städte. Wie in anderen Landschaften Schleswig-Holsteins reagierten auf Fehmarn viele Arbeitgeber mit dem Rückgriff auf schwedisches Gesinde, das zwischen 1868 und 1874 dem Versorgungsnotstand und der hohen Arbeitslosigkeit im Heimatland durch Emigration zu entkommen suchte und in zunehmend von Agenten organisierten Gruppentransporten nach Norddeutschland gelangte. Auch als die ländliche Arbeiterschaft in den achtziger Jahren in Massen Angesichts einer massenhaft aus- und abwandernden ländlichen Arbeiterschaft bemühte man sich auf Fehmarn erneut um Kräfte aus Schweden, aus Holstein und den östlichen preußischen Provinzen. Mochte die Neigung, nach Amerika auszuwandern, nach 1885 allgemein abnehmen, der Fortzug von der Insel gab den ländlichen Arbeitgebern weiter Anlaß zur Klage. Dem Generalverein teilte man mit, im Jahr 1893 sei die Abwanderung besonders groß gewesen. Vor allem die großen Städte Hamburg, Lübeck und Kiel zögen das weibliche Dienstpersonal an. Der Bericht des Landwirtschaftlichen Generalvereins für 1895 beklagt vor allem die mangelnde Qualität der auf Fehmarn verfügbaren Kräfte. Die besseren Elemente unter den Dienstboten und Tagelöhnern verlören sich zusehends. Den Landbesitzern sei es bisher nicht gelungen, geeignete Maßnahmen gegen diesen Mißstand zu treffen. Auch in den folgenden Jahren gelang es den Arbeitgebern offensichtlich nicht, "die besseren Elemente" auf der Insel zu halten. Im Gegenteil: Nach 1900 wanderten wieder mehr junge Leute aus. Wies die fehmarnsche Bevölkerungsbilanz für die neunziger Jahre noch ein leichtes Plus von 2,7% auf, so ging die Zahl der Einwohner zwischen 1900 und 1910 um 4,7% zurück, auf den Dörfern sogar um 6,7%. Die kärgliche Tagelöhnerexistenz auf
der Insel ohne Aussicht auf Besserung führte zu einer hohen Aus- und
Abwanderung, nicht nur ganzer Familien, sondern auch junger Leute aus den ländlichen
Unterschichten. Hofbesitzern war es nicht zuletzt hierdurch unmöglich, ihren
Bedarf an Gesinde, der mit Expansion der Viehzucht nach 1880 stieg, ohne größere
Schwierigkeiten zu decken. Der Bezug von Dienstboten aus Schweden und Ostpreußen
führte allenfalls temporär zu Entspannungen. Die zwischen 1967 und 1914 beständigen Klagen über Leutemangel auf der einen, winterliche Beschäftigungslosigkeit und Not auf der anderen Seite erklären sich aus der unterschiedlichen Situation auf zwei verschiedenen Teilarbeitsmärkten. Der Gesindedienst - mindestens halbjährige feste Beschäftigung bei Kost und Logis jedoch bescheidenem Barlohn, bei prinzipiell unbegrenzten Arbeitszeiten und relativer Unfreiheit aufgrund der Gesindeordnung - wurde für junge Menschen zusehends unattraktiver in Zeiten, in denen sich die Möglichkeit einer Aus- oder Abwanderung bot. Aus der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt für Dienstboten konnten die Tagelöhner jedoch keinen Nutzen ziehen. Die dort gezahlten Löhne reichten für sie, die in der Regel eine Familie zu ernähren und einen eigenen Haushalt zu finanzieren hatten, nicht aus. So blieben sie weiter den saisonalen Schwankungen ihres Teilarbeitsmarktes, d. h. dem Risiko der Beschäftigungslosigkeit während des Winters, ausgesetzt. Quellen
und Literatur Jahresberichte des Landwirtschaftlichen Generalvereins der Provinz Schleswig-Holstein. Fehmarnsches Wochenblatt, diverse Jahrgänge. Francke, W. Ch. (Hg.): Die Gesinde-Ordnung für die Herzogthümer Schleswig und Holstein, wie sie von Neujahr 1900 an gilt, nebst den zubehörigen Gesetzen mit Verzeichnissen und Bemerkungen. Gesinde-Ordnung für die Herzogthümer Schleswig und Holstein - Tyende-Anordning for Hertugdommer Slesvig og Holsteen. Kopenhagen den 25. Februar 1840. Kopenhagen 1840. Großmann, Friedrich: Die ländlichen Arbeiterverhältnisse in der Provinz Schleswig-Holstein (exkl. Kreis Herzogtum Lauenburg), den Provinzen Sachsen (exkl. der Kreise Schleusingen und Ziegenrück) und Hannover (südl. Teil), sowie den Herzogtümern Braunschweig und Anhalt. Leipzig 1892 (Schriften des Vereins für Socialpolitik 54: Die Verhältnisse der Grunenberg, A(ndreas): Die Landarbeiter in den Provinzen Schleswig-Holstein und Hannover östlich der Weser sowie in dem Gebiet des Fürstentums Lübeck und der freien Städte Lübeck, Hamburg und Bremen. Tübingen 1899 (Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutschlands in Einzeldarstellungen nach den Erhebungen des evangelisch-sozialen Kongresses, Heft 2).Landarbeiter in Deutschland, Bd. 2). Grunenberg, A(ndreas): Die Landarbeiter in den Provinzen Schleswig-Holstein und Hannover östlich der Weser sowie in dem Gebiet des Fürstentums Lübeck und der freien Städte Lübeck, Hamburg und Bremen. Tübingen 1899 (Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutschlands in Einzeldarstellungen nach den Erhebungen des evangelisch-sozialen Kongresses, Heft 2). Gruß der Burger Kirche, diverse Jahrgänge. Hanssen, Georg: Historisch-statistische Darstellung der Insel Fehmarn. 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Flemming, Jens: "Obrigkeitsstaat, Koalitionsrecht und Landarbeiterschaft. Zur Entwicklung des ländlichen Arbeitsrechts in Preußen zwischen Vormärz und Reichsgründung" in: Puhle, Hans Jürgen / Wehler, Hans-Ulrich (Hg.): Preußen im Rückblick. Göttingen 1980 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 6). Flemming, Jens: "Die vergessene Klasse. Literatur zur Geschichte der Landarbeiter in Deutschland", in: Tenfelde, Klaus (Hg.): Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich. Berichte zur internationalen historischen Forschung. München 1986 (Historische Zeitschrift, Sonderheft 15). Höpner, Ewald: Die Organisation der landwirtschaftlichen Arbeit auf der Insel Fehmarn. Diss. Kiel 1927. Lorenzen-Schmidt, Klaus-Joachim: "Neuorientierung auf den deutschen Wirtschaftsraum - Wirtschaftliche Entwicklung 1864 - 1918", in: Lange, Ulrich (Hg.): Geschichte Schleswig-Holsteins. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Neumünster 1996 Nissen, Nis Rudolf: Landwirtschaft im Wandel. Natur und Technik einst und jetzt. Heide 1989 (Kleine Schleswig-Holstein-Bücher, Bd. 39). Rüdel, Holger: Landarbeiter und Sozialdemokratie in Ostholstein 1872 bis 1878. Erfolg und Niederlage der sozialistischen Arbeiterbewegung in einem großagrarischen Wahlkreis zwischen Reichsgründung und Sozialistengesetz. Neumünster 1986 (Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 9). Saul, Klaus: "Um die konservative Struktur Ostelbiens: Agrarische Interessen, Staatsverwaltung und ländliche »Arbeiternot«. Zur konservativen Landarbeiterpolitik in Preußen-Deutschland 1889 - 1914", in: Stegmann, Dirk / Wendt, Bernd-Jürgen / Witt, Peter-Christian (Hg.): Deutscher Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Fritz Fischer. Bonn 1983 Scheffler, Jürgen: "»Dampfdöscher«, »Dagglöhner« und »Monarchen«. Technischer Wandel, Arbeitsmarkt und Arbeiterschaft in der Landwirtschaft Schleswig-Holsteins 1870 - 1914", in: Paetau, Rainer / Rüdel, Holger (Hg.): Arbeiter und Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein im 19. und 20. Jahrhundert. Neumünster 1987 (Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 13). Stau, Hans-Ulrich: "Die Wanderung von der Insel Fehmarn nach Nordamerika in der Zeit von 1867 - 1914", in: Dix, Brigitte / Timm, Eitel (Hg.): Schleswig-Holstein / Nordamerika. Versuch eines interdisziplinären Ansatzes. Kiel 1982 (Kieler Beiträge zur Erweiterung der englischen Philologie, Bd. 1). Wiepert, Peter: "Ein Dreschtag auf Fehmarn um 1850", in: Die Heimat 75 (1968). Wiepert, Peter: "Schwedische Arbeiter auf Fehmarn", in: Die Heimat 66 (1959). Meldungen aus dem Fehmarnschen Wochenblatt Jg. 26, Nr. 22 (16.3.1881): Gemeldet wird die Abreise einer "großen Anzahl" von Einheimischen nach Amerika. Jg. 27, Nr. 17 (1.3.1882): 62 Menschen haben mit dem Dampfschiff die Insel verlassen, um nach Amerika, vor allem Iowa, überzusiedeln. Jg. 34, Nr. 16 (23.2.1889): Für den kommenden Sonntag wird die Konfirmation von 11 Knaben angekündigt, von denen 2 zur See gehen und die übrigen 9 nach Amerika auswandern werden. Jg. 46, Nr. 58 (16.7.1901): Per Inserat sucht Charl Hoehn "für Amerika" ein zuverlässiges, nicht zu junges Dienstmädchen, das einen Hausstand selbstständig führen kann. Jg. 48, Nr. 32 (14.3.1903): "Die Auswanderung von unserer Insel nach Amerika scheint auch in diesem Jahr wieder einen recht großen Umfang einnehmen zu wollen. Gestern verließen mit dem Dampfer »Fehmarn« reichlich 20 Auswanderer die Insel." Jg. 49, Nr. 24 (25.2.1904) "Die Auswanderung junger Fehmaraner nach Amerika wird in diesem Frühjahr anscheinend einen wesentlich größeren Umfang annehmen wie in den verflossenen Jahren. Namentlich im Zentrum und im Westen der Insel beabsichtigt eine ganze Anzahl junger Leute, alsbald nach der Konfirmation die Heimat zu verlassen ..." Jg. 54, Nr. 114 (2.10.1909): Gesucht wird per Anzeige ein junges Dienstmädchen "nach Amerika".
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