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Kapitän Pött Aus dem originalen Niederdeutsch von Claus Groth. Ins Hochdeutsche von: E. Bügge-Wood.
"Von Ystadt kamen Sie?"
fragte der >alte
Kapitän=,- so nannte man ihn und man sah= es ihm an; wir trafen ihn
im Fährhaus beim Grogg - AVon Ystadt! - Sie! - gelehrter
Herr!, von Schweden! "Und
mit einem Dampfer! - für die Wissenschaft! - AIst=s
möglich!, ohne Ladung!,- und von Ystadt!" "Lachs
angeln, womöglich?", sagte er mit Bedenken. - Was ich
ihm sage von Forschung, die ganze Ostsee hindurch und an den Küsten entlangt,
das glaubt er nicht, "das
bringt keinem Menschen was ein." "Wir fanden auch nichts
heraus mit Forschung, denn was die See bedeckt ist ein Geheimnis."
Man kann doch, sagte ich, fangen was darunter lebt. seine Worte waren:, "Lachs gibt es dort bei
Ystadt, das ist der rechte Platz, die gibt es dort, das ist mir klar." Und dabei blieb er. "Das war meine erste Reise,
ja, und anders als mit einem Dampfer! Die erste und wohl die schlimmste denk=
ich, aber auch meine beste Fahrt, die ging nach Ystadt, nach Jahren brachte
ich meine beste Fracht nach Haus, das war meine liebe Frau. - So lang ist es
her!, - wie lange ist es schon, daß sie
starb,..... und was ich damals erlebt habe, war fast noch schlimmer,"
sagte der Kapitän, als ob er weit zurück dachte, doch ohne Kummer, nein, da
lachte er zuletzt und sagte: "Ich kann nie an die Fahrt denken,
ohne daß ich die Pflaumen wieder rieche, die getrockneten Pflaumen, verstehen
Sie es, mit Seewasser. Das kommt mir noch hoch in die Nase und im Geschmack,
das vergeß=
ich nicht so alt ich auch werde. - So bekam ich denn einen
Platz als Junge, natürlich mit einem Kapitän von Fehmarn, ein nagel-neues
Schiff, in Schweden gebaut, ein Schoner, der vor Ystadt anlegte um Fracht
aufzuladen, mit einer Ladung Lachs und Heringe ging es dann ins Mittelmeer und
nach Triest. Ich also mit einem anderen
Kamerad, ein Leichtmatrose, und noch ein Zimmermann, ein Kerl von den Faroe
Inseln, seinen Namen habe ich vergessen, Kross hieß der andere Bursche, der
Leichtmatrose - wir drei gingen mit Schiffer Unbehauen auf seiner Yacht eines
Morgens auf See hinaus. Es war im Mai, wir hatten
einen Ostwind und segelten glatt den Kours auf nord-nordwest, gleich auf die
Linie nach Ystadt zu, dann Schonen. Drei Tage meinte der Schiffer Unbehauen würde
es dauern, höchstens vier Tage, denn diese Yacht, erzaehlte er uns, sei ein
Segler den man selten findet, war ein Meisterstück, noch von den alten
Conradis gebaut, die große Werft die jetzt die Söhne haben, neben dem Kieler
Schloß, dicht hinter dem Kattendor. Ja, das sollen Meister gewesen sein!, und
diese, eine Yacht die es nun nicht mehr gibt! Und wir segelten so richtig als
ob wir um die Wette fuhren. Wir drei, schauten schon aus nach Ystadt und dann
Schonen. Doch es sollte anders
kommen! Der Wind sprang um, zuerst hingen die Segel aber dann fingen sie an zu
klappen, die Luft wurde schwüler, die See wurde gräßlich und grau: dann kam
ein richtiger nordwest Wind, Sie werden es kennen, wenn der Hagel peitscht as ob er Nadeln sät, und unsere arme Yacht fing an zu
tanzen wie bei Musik. So etwas ist ein schlechtes
Vergnügen, Herr, so ein Tanz, wer das nie gekannt hat, und dazu noch
Seewasser von draußen und von drinnen, und Salzheringe von innen und aussen!
Unser armer Magen war gar umgekrempelt, ja, ich kann es heute noch riechen,
wenn ich dran denke - die Kälte war zum verzweifeln, wir mußten kreutzen,
und Unbehauen, blau angefroren wie ein Zipfel, rief sein: Kommando zum Umlegen
wie ein Posaunen-Engel. Er hatte einen gruseligen
Pudel mit an Bord, ein entsetzliches Luder, ein richtiger Menschenfeind, Er hatte beim Sprachrohr seine Hütte aus einigen
Brettern. Bellen tat das Biest und heulen, mir war=s unbegreiflich, wie er es
aushielt die ganzen 23 Tage! Und jedesmal, wenn ein Sturm auf See kam - ging er in
die Hütte!, knurrte und heulte, sobald es vorbei war kam er wieder raus und
bellte. Nein, Gott vergebe, das war eine Höllenfahrt. Sogar in der Nacht!, ich
mag nicht dran denken, - im Schlaf zu ertrinken ist doch furchtbar! Obendrein kam noch der Hunger in den jungen Magen, als wären wir junge Wölfe! Halb gekochte Erbsen, Gott,
und ranziger Speck, verschimmeltes Brot und was noch zu kriegen war - Runter
ging es wie der Tod im armen Sünder. Doch bald wurde es knapp, und Unbehauen
hielt das Essen unter Schloss und Riegel. Dann gab es Rationen so groß wie
ein Fingerhut im Kühlraum. Nein, ich sage einem war zu Mute, man nahm
gebratene Schuh Sohlen als wär es Beefsteak. Na, alles hat ein Ende, und
endlich kamen wir, halb todt mit unserer Yacht in Ystadt an. Doch, ehe wir
landeten, kroch ich in den Raum - und pfropfte meine Taschen voll mit Pflaumen,
seitdem habe ich so einen Geschmack danach. Dann wanderten wir drei mit
unserem Seesack und verabschiedeten uns vom Schiffer Unbehauen, gleich nach
Ystadt rein zu unserm Quartier - ich muss sagen ein Häuschen mit einem Stall
dahinter, und in dem Stall ein Loch, dies gehörte uns. Der Zimmermann warf
seinen Seesack hin, zog seine Stiefel aus, und, was meinen Sie, mein Herr?, -
seine Stiefel waren stramm voll von Pflaumen, so wie meine Taschen! Er hatte
auch einen Geschmack dafür, so wie ich. Da sagte der Zimmermann,
und faßte an die Tür: Ah, kein Überfall, wenn auch keinen Schlüssel! Und
so ein Räubervolk, die alle singen und kein Mensch versteht sie! Dann nahm er
sein Schnappmesser, klemmte die Tür fest zu, daß keiner einbrechen konnte, höchstens
mit großer Gewalt. So legten wir drei uns
ruhig hin zum Schlaf, ja, schlafen, als hätten Engel für uns gesungen und
keine Posaune wär laut genug uns aufzuwecken. Und doch, als wir schliefen
wie ein Dachs - was war das, was klopfte und rüttelte an unserer Tür? Wir
sprangen alle auf. Natürlich dachten wir an Räuber. So ein Pack von Menschen,-
die singen anstatt reden!, wir griffen nach irgend etwas. Wir hörten es
klopfen, und eine Stimme rief, was man deuten konnte als: öffnen! Es schien
als Richter und Gericht! - So war es wohl nötig meinten wir, der Zimmermann
zog das Messer weg, die Tür ging auf, und in der Morgen-Dämmerung?, - was
stand da vor der Tür? Du lieber Gott! Ja, so ein Schrecken für so junge
Burschen, im fremden Land, wo uns keine Seele verstand! - Wären es Räuber
gewesen, könnte es gar nicht schlimmer gewesen sein. - Soldaten standen im
Hof, Gewehr in der Hand, mit dem Volk hinterher, neugierig und verschlafend. Wir wurden raus kommandiert,
mit Worten und Zeichen, voran ging der arme Zimmermann mit seinem
Schnappmesser, er hielt es fest in der Hand vor lauter Angst, und führten uns
über den Hof, vorne rein auf die Diele - Herrgott! Da lag eine Frau im Blut -
vor ihr der Zimmermann, sein Messer in der Hand, und das Volk stand murmelnd
herum - wir konnten uns denken was die dachten, - er ist schuldig! Das ist der
Mörder, dieser Ausländer, und wir seine Helfer, diese verhungerten Jungs! Ich habe nie erfahren, was
Ohnmacht war, so weit wie ich mich erinnere, doch wenn das dazu gehoert, daß einem das Blut in den Adern stockt, so war ich
nahe dran. - Dann rief eine Stimme - es war ein Flachsköpfiges Mädchen, noch
ein junges Kind, ich höre sie noch, die Stimme, und ich sah ihre Augen,
voller Angst und Tränen - sie zeigte auf mein Gesicht und rief auf
Plattdeutsch: "Dieser
hat's
nicht getan, das ist nicht möglich, ach der arme Junge!" Das war wenigstens ein
Trost für alle drei, alleine mal wieder deutsch zu hören. - Natürlich sagte
ich, die andern sind genau so unschuldig wie ich, unsere Tür war mit dem
Messer verschlossen, wir haben ruhig bis an den hellen Tag geschlafen. Genug, wir wurden verhört,
woher, wohin, unser Konsul wurde geholt, wir wurden beraten. Und es klärte
sich auf, den Täter hatte man gefunden, so wie ich hörte, er war ein Mann,
ein Geisteskranker. So waren wir frei und
gleich bekannt in Ystadt, ja, wir wurden gehegt und gepflegt, besser wie zu
Haus. Natürlich wurde das kleine Mädchen meine Freundin. Sie war von
Schleswig, war ein Waisenkind, hier wohnte sie bei Verwandten. - Und so lange
mein Schiff nicht segelbereit, kam ich täglich, mit ihr deutsch zu sprechen
und von zu Haus. Ja Herr, und als wir
endlich unter Segel waren und südwärts steuerten durch den Kattegat, die
Nordsee, den Kanal und weiter, immer weiter, bis zum Mittelmeer, Sie können
ahnen, daß ich so oft an Ystadt dachte wie an zu Haus. Kurtz um, es dauerte noch
einige Jahre, doch als ich es soweit gebracht hatte, daß ein Schoner mein
Eigen war, habe ich das Schiff Marie genannt, dann nahm ich mir wieder vor den
Kours noch einmal in Richtung nordwesten zu segeln, nach Ystadt hin, und holte
mir die wirkliche Marie, meine kleine Blonde, dann meine liebe Frau. - Doch mit unserer Fahrt
damals im Mittelmeerhafen, meine erste Reise von Ystadt, wie ich schon sagte,
mit Lachs und Heringen, da gab es noch tolle Erlebnisse. - Wir segelten durch das
Adriatische Meer, nach Triest, um womöglich dort eine neue Ladung zu
empfangen. Das war so um die Zeit, verstehen Sie, lang her, Sie wissen damals,
als Napoleon, der große Spitzbube, der von Elba ausgekniffen war, es ist
jetzt schon an die 60 Jahre her. Da lagen wir im Hafen von Triest. Ja was dann?,
das konnten wir, und was ging uns das an? Ja, junger Mann, damals
waren die Zeiten anders. Der ganzen Welt ging das was an, denn die Welt drehte
sich um den herum. Und als er fliehte, da lief die ganze Welt ihn nach, und
wir, ja, wir lagen vor Triest, denn raus konnten wir nicht, der Hafen war
gesperrt. Und wir lagen dort rund 100 Tage, bis er wieder gefangen wurde. Wir lagen dort wie auf der
Faulenzer Bank, konnten keine Hand anlegen. Dann bummelten wir, mein Kamerad
und ich, mein Landsmann Kross, wir beide als dumme Jungs und richtige Floetzen
trieben unsere Schande. Das ist nichts für Jungs, wenn es an Arbeit fehlt,
das habe ich gelernt, die Faulheit führt zum Laster. Was wir betrieben, das
war reiner Übermut, der juckte uns, so sagt man, wie Hafer dem Pferd. Was
Schlechtes möchte ich nicht sagen, aber auch nichts Rechtes. Zum Schlechsten
fehlte uns glücklicherweise das Geld, wir hatten keine Liren, höchstens dann
und wann für Apfelsinen und dann nur die schlechte Sorte, am liebsten die
verfaulten, davon füllten wir unsere Taschen, und mit der Schale. Und was wir
mit den letzten machten, die wir nicht mehr mochten, damit haben wir Unfug
getrieben, ich sage nicht mehr, weiß auch nicht mehr alles. Doch, bedenken Sie - natürlich
wurden wir frei am Ende und gingen wieder auf See, langsam kamen wir wieder
zur Vernunft, und wie ich schon sagte, inzwischen wurde ich Kapitain, hatte
mein eigenes Schiff, und Frau und Kinder - die lagen schon in
Erwartung, mich zu finden. Es dauerte noch einige
Jahre, da es wieder los ging hier in Schleswig Holstein, da kam ich rauf nach
Kiel, es war 1864, als die Deutschen kamen und unser Herzog. Da zogen wir
stattlich durch die Strassen, sangen Schleswig - Holstein, lauthalsig, unser
Psalm, der lange verboten war, wir haben getrunken und waren außer Rand und
Band, da waren wir Alten auch dabei, doch mit Vernunft. Dann traf ich doch
wahrhaftig den Kapitain Kroß, mein Kamerad von zu Haus [Fehmarn]. Ich kannte
ihn gleich, er hatte eine Nase, die sich nie verändert hatte, obgleich ich ihn
schon 50 Jahre nicht sah. Ich sagte: Guten Tag, Kapitain! Er sagte:A
Guten Tag!"
Kennst Du mich nicht, Kross? "Nein, sagte er, nein!"
Kennst mich nicht, dein Kamerad? Denke an die Fahrt mit Kapitain Unbehauen auf
seiner Yacht nach Ystadt! "Nein, sagte er, nein!"
Ich sagte, denk'
an die Pflaumen! Aber es half nicht. Ich sagte, denk' an die Fahrten, die Taten
die wir ausführten in Triest! Die verfaulten Apfelsinen! - "Keine
Ahnung". Nein, dachte ich, so eine Lücke
in der Seele! Ist es möglich, Kristian?, sagte ich, Kristian Kroß, besinn'
dich doch!, als wir die Blas-Rohren machten, aus Rheet das in dem Teich wuchs,
in der Nähe vom Hafen. Wir gingen damit über den Fußsteg, hinten rauf, da
hing ein Bild von einer Frau, sie war häßlich, man sagte sie wäre die Mutter
Gottes, woran wir uns ärgerten, da brannte eine Tranlampe Tag und Nacht,
Erinnerst du dich? Da standen wir beide hinter der Ecke und schossen mit dem
Blasrohr auf die Lampe, bis wir sie trafen. Meinen Sie, junger Herr, daß
ein vernünftiger Mensch von siebzig [70] Jahren, die halbe Welt vergißt und
sein halbes Leben, daß er einen alten Streich, so eine richtige Spitzbuberei,
wo nur ein freier Junge drauf kommt, aus reiner Faulheit und Übermut, daß er
sich an so einen Streich erinnert, und freut sich noch darüber, als wär es
eine Heldentat gewesen? Es ist schon richtig so! - "Ja,
rief er, Junge, "Poett",
- bist du es, mein Alter? - Wahrhaftig, ja, du bist es! Nun, wenn ich bedenke
kann ich mich erinnern! Ja, damals waren wir jung!" -So war es, mein Herr....
Doch wenn ich es recht bedenke, ob ich es noch einmal mitmachen möchte?, - Ich
weiß es nicht. - Ende - E. Bügge-Wood, 3096-1A
Maryland Ave., Columbus, OHIO 43209 |