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Vom plattdeutschen "Ik müß den Arier-Nowies bibring'n", von: Klara Kramer
in's hochdeutsche übersetzt von: E. Bügge-Wood

        Neunzehnhundertundvierzig - Krieg! Was ist morgen? So dachten viele Menschen an das, was unser Leben plötzlich verändern konnte. Mein Bräutigam war bei der Marine in Kiel. Um meine Zukunft zu sichern, meinte er, wir sollten man heiraten. Meine Eltern hatten auch nichts dagegen einzuwenden. Viele amtliche papiere waren nötig.*** Die hatten wir bald zusammen. Aber, trotzdem erhielt mein Bräutigam die ganzen Papiere sehr schnell zurück, mit dem Vorwand, daß ich meinen "Arischen Nachweis" vier Generationen zurück vorlegen müßte, weil mein Familienname "Freudenthal" war. Ja, was wir allesamt nicht wußten, Freudenthal ist ein "Judenname".  Mein Verlobter war ein Berufssoldat und mußte die arische Rasse reinhalten. Die nötigen Papiere mußte ich bei meinem Gemeindevorsteher und zusammen mit dem Pastor anfordern.  Dies hatte ich ziemlich bald erledigt. Eigentlich sollte unsere Hochzeit nichts mehr im Wege stehen. Das habt Ihr Euch gedacht!- Es wurde noch viel schlimmer für mich. Ein "Ehe-Tauglichkeits-Zeugnis" mußte  ich vorlegen. Man wollte wissen ob ich Kinder haben konnte. Mutter hatte acht solche Kinder zur Welt gebracht und erzogen. Nein, darüber war ich mir klar, daß ich Kinder wollte und auch Kinder zur Welt bringen konnte. Weil mein Verlobter in Kiel stationiert war, mußte ich  mich dort untersuchen lassen. Das Datum hatte man ihm auch gleich mitgegeben.  So ging ich rechtzeitig auf die Reise nach Kiel.  Von dem Bahnhof aus mußte ich mit der Straßenbahn bis auf die Wiek fahren, wo das Marinelazarett war.  Mein Bräutigam erwartete mich schon und begleitete mich sofort.

Ach Gott, was hab' ich gezittert. Da stand ich nun, gerade zwanzig Jahre alt, vor einen großen Marineoffizier, er war der Stabsarzt >sowieso=, (den Namen habe ich vergessen) und er stellte sich vor. "Freudenthal", antwortete ich freundlich. "Freudenthal?", interessant!, ist der "Arier Nachweis" gebracht? Ihr Name klingt nicht gerade arisch und ihr Aussehen verstärkt meinen Zweifel," sagte er kalt und niederträchtig. "Besagter Nachweis ist lückenlos bis in's vierte Glied, wie gefordert, dargebracht worden. Wenn Sie bezüglich meines Aussehens auf mein schwarzes Haar hinweisen, möchte ich nur sagen, selbiges von meiner Mutter ererbt zu haben. Sie ist eine geborene Fulendorf. Dieser Name kommt im holsteinischen häufig vor. Mein Vater hingegen, der mir den Namen Freudenthal gab, ist hellblond, hat blaue Augen und trägt einen rötlichen Bart. Diese äusserlichen Kennzeichen sind doch wohl rein Agermanisch", gab ich ihm kurzfristig zur Antwort. Angst um's Leben hatten mir diese Worte auf die Zunge gelegt.

Nun kam das, was Mutter mir schon angedeutet hatte.  Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, meinte der Herr Stabsarzt: "sie bekommen einen schriftlichen Bescheid, aber machen Sie sich keine Hoffnung auf positive Nachricht." Bums war ich draußen und sah wohl ziemlich betrübt aus. Mein Bräutigam fühlte sich auch ziemlich ausgestoßen als ich ihm erzählte was der Arzt mir sagte. Von seinem Kompaniechef wurde ihm mitgeteilt, daß er mich nicht heiraten dürfte, weil ich eheuntauglich wäre.

Nun war Holland in Not! Mutter wußte mich zu trösten und schickte mich zu unseren Arzt, Dr. Alfred Behrend in "Königriek". Da konnte man wenigstens mit reden. Er sagte mir, daß er einen kleinen Eingriff "Operation" machen müßte, dann könnte ich einen Haufen Kinder kriegen. Für die Marine in Kiel erhielt ich auch vorläufig diesen neuen Bescheid mit. Habe es meinem Bräutigam auch sofort nach Kiel hingeschickt. Nun müßte wohl eigentlich alles in Ordnung sein. Nein, es war nicht so!

Es dauerte nur eine kurze Zeit als ich eine neue Vorladung nach Kiel erhielt. Der Dorktor war derselbige grauenhafte Kerl. Bei ihm waren aber noch fünf junge

Fähnriche. "So, meine Herren, dieses Fräulein Freudenthal, der Name sagt ihnen sicher alles, hat mein Eheuntauglichkeitsbefund verworfen und versucht nun mit einem fingierten Attest die Ehe mit einem Arier zu erschleichen", sagte der Herr Stabsarzt zu den jungen Anfängern, die dort herumstanden. Über die Untersuchung möchte ich lieber nicht reden. Es war eine schlimme Sache. Mit den Worten: "Ich will sie hier nicht wiedersehen; denn von meiner Diagnose weiche ich nicht ab", dann schob er mich aus die Tür.

Gleich am nächsten Tag habe ich unserm Doktor Behrend alles erzählt, was ich in Kiel erlebte und nebenbei habe ich dabei tüchtig geweint. "Ach Mädchen, nun weine nicht mehr, ich bin überzeugt, daß einer Schwangerschaft nichts im Wege steht.  Du wirst Kinder haben! Was soll ich dir raten? Werde schwanger! Dieses ist die einzige Möglichkeit, den Herrn zu überzeugen", machte mein Arzt mir neuen Mut. "Aber Herr Doktor, diese Schande kann ich doch meinen Eltern nicht antun, und dann darf ich in der Kirche keinen geschlossenen Myrtenkranz bei der kirchlichen Trauung tragen", gab ich ihm ganz bedrückt zur Antwort. "Das eine ist was du willst und das andere ist was du mußt. Heute ist eine Schwangerschaft ehrenvoll, bedenke was man dir für Hürden aufgebaut hat", so versuchte mein Arzt mich zu überzeugen. Mutter war damit gar nicht so recht einverstanden.

Nach zwei Monaten konnte mein Bräutigam einen Attest, daß ich schwanger war in Kiel vorlegen. Nun kriegten wir auch aus Kiel grünes Licht (Genehmigung) zur Heirat.

Zu Hause hatten wir es gar eilig, damit es auch eine schöne Hochzeit wurde. Weil man Mann zur See fuhr, mußte er den Saum meines Brautkleides mit der Hand einnähen. Der Aberglaube beschwört, dass Seefahrer dann kein Unglück haben und immer heil im Hafen landen tun.

Am 31. Mai 1940 war unser Hochzeitstag. Nun war es aber auch hohe Zeit. Beim Sonnenschein hat Hans Ohlober uns mit seiner schönen Kutsche und seinen glatt gestriegelten Pferden in unsere schmucke Esbrügger Kirche gefahren, wo ich schon getauft und konfirmiert geworden war.

Fünf Monate später ist unser Diether bei anlaufendes Flutwasser geboren. Der Junge war gesund, wog 8 1/2 Pfund und hatte meine dunklen schwarzen Haare. Die Hebamme hatte morgens halb sechs zu mir gesagt: "Gleich läuft das Wasser ab, wenn das Kind nicht bei sechs Uhr da ist mußt du dich noch sechs Stunden plagen, bis die anlaufende Flut einsetzt. Bei Ebbe wird es nichts. So ist es auch gekommen, genau wie sie es sagte. Unser Junge kam zwanzig Minuten nach zwölf mit der einsetzenden Flut zur Welt.

Die ganze Aufregung und das Böse habe ich vergessen, als ich meinen kleinen Diether im Arm hatte und ihn an meine Brust legen konnte. Einen Bruder und eine Schwester hat er auch noch bekommen.

Nachtrag: Bis zum 16ten Jahrhundert habe ich nachgeforscht, bis ich wußte wo der Name Freudenthal herkam. Zu der Zeit ist der Jude John Freudenthal von Leipzig nach Hamburg gezogen. Nun steht es fest, daß ein paar Tropfen Judenblut durch meine, wie auch die Adern meiner Kinder und meiner Enkelkinder laufen.