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Am 22 November 2001 feiert das Burger Rathaus seinen 100. Geburtstag

Ein großes Fest erwartet die Bürger der Stadt Burg auf Fehmarn, die Zierde des Marktplatzes, das Verwaltungszentrum der Inselmetropole, wird am 22. November 100 Jahre alt.
An der Stelle des neu erbauten Rathauses stand bis dahin ein geräumiger Fachwerkbau von 1520 mit bleiverglasten Fenstern, einer spätmittelalterlichen inneren Holzverarbeitung mit getäfelten Wänden, eichenhölzernen Fußböden, Tiefschnitztüren, altertümlichem Mobiliar und an den altersgebräunten Holzdecken Ölgemälde des 30jährigen Krieges, der seine schlim-men Ausläufer 1644 mit der Landung der Schweden bis auf unsere entlegene Insel trug.
Zur Zeit des Rathausabbruches 1898 hatte Burg eine Einwohnerzahl von 2900 Menschen.
Das alte Lübecker Stadtrecht war 1867 mit der preußischen Verfassung zu Grabe getragen worden und die „Stadtväter'`, gewählte „Stadtmütter" gab es erst nach dem letzten Kriege, „regierten" nach der Städteordnung von 1869 mit dem dynamischen Bürgermeister Matthias Lafrenz (1892 bis 1915), Vater Jacob war 12 Jahre, Sohn Klaus sollte in unglücklicher politi-scher Zeit nur die zwei Jahre 1931-1933 Burger Bürgermeister sein, und ihm zur Seite stan-den die beiden Ratmänner Carl Lafrentz (Bierbrauer) und Heinrich Lafrentz, sowie die Stadtabgeordneten Johannes Bugislaus (Posthalter), Jacob Witte (Bauernstelle, heute Post), Heinrich Rathje (Tageblatt), Peter F. Thomsen (Butenschön), Wilhelm Wichmann (Zimmermeister), Christian Hammer (Mauermeister), Jacob- Treimer (heute Bauerhof Mackeprang, Süderende) und der Glasermeister Gottlieb Steig.

Diese Herren bestimmten über „Sein oder Nichtsein" des alten Rathauses, harte Konfrontation der „Traditionisten", am schärfsten von dem Volksbankgründer Jürgen Anton Bundies mit zahlreichen, wohl begründeten Argumenten in den Zeitungen und einer Unterschriften-Aktion: die Stadt verliert „ihr Gesicht", und das geplante Fachwerk mit Türmchen in dieser Höhe hält den fehmarnschen Winden nicht stand, auch der noch in den Kinderschuhen steckende „Gebäude- und Denkmalschutz" in Kiel war nicht gerade vom Abriß begeistert.
Am 13. August 1898 fiel die einstimmige Entscheidung: Abriß und Neubau!
Bleiverglaste Fenster und Kerbschnitztüren für das Museum
Zimmermeister Eyberg besorgte für 8oo Reichsmark den Abriß, wobei der Landeskonserva-tor sich die Zurückhaltung der bleiverglasten Fenster, der eichenen Kerbschnitztüren und verschiedener Altertums-Relikte für geplante Museumsräume im großzügig geplanten Rathausboden oder einem Neubau auf einem Stadtgrundstück „op de Höhnerwei" zwischen denn Wulfner- und Blieschendorfennreg, hier war auch 1903 der Bahnhof geplant, vorbehielt.
Das Preis-Ausschreiben eines sechsköpfigen Preisrichterkollegiums anerkannte von den sieben eingereichten Entwürfen zwei gleichbewertete erste Preise mit je 700 Reichsmark für den Kieler Architekten Carl Voß unter dem Motto „Rathaus 1900" und den Berliner Architekten Solf & Wichards unter dem modernen Aspekt „Ein Quadrat mit fünf Kreisen"!
Voß war mit seiner altstadtanpassenden Vorgabe bei den Stadtvertretern Favorit, die Achillesferse hierbei war jedoch der Baupreis
Die Stadt Burg hatte Baukosten in der Höhe von 75.000 Reichsmark eingeplant, das Voßsche Pracht-Rathaus kostete 105 Reichsmark.
Der Landeskonservator Prof. Dr. Richard Haupt bezeichnete die Vorlage als „eine ungewöhnlich geschickte Leistung". Die Burger Verantwortlichen ohne Rathaus beauftragten jetzt den Kieler Architekten, eine „Preisangleichung" vorzunehmen. Mit dem 2. Entwurf eines verkleinerten Verwaltungsgebäudes und weniger aufwendigen Türmchenverzierung etc., hofften die Stadtvertreter das große Bauwerk mit 85.000 Reichsmark finanzieren zukönnen.
Das Planungsjahr 1899 war ein außergewöhnlich fruchtbares, steuerträchtiges Jahr gewe-sen mit durchschnittlich 4000 Kilogramm Weizen pro Hektar, welcher zu 15 Reichsmark pro Doppelzentner verkauft wurde, vielen Neubauten, Firmengründungen, Dampffähre geplant.
Am 22. September 1900 wurde südlich des Haupteingangs ein Bleikasten mit aktuellen Stadtutensilien vergraben und darüber der Grundstein in einer kleinen Feier gelegt.
Durch mangelnde Mauersteinqualität in den Konkurs
Mit der beginnenden Verklinkerung traten für Mauermeister Friedrich Hammer und Architekt Carl Voß die ersten großen Bau Schwierigkeiten auf: beide waren mit der ersten größeren Lieferung an roten Mauersteinen nicht zufrieden, da sie weder in der Qualität noch nach dem Format den Ausschreibungs-Richttiniefentsprachen Die liefernde erste moderne fehmarnsche Dampfziegelfabrik hatte sich 1895 außerhalb des westlichen Stadt Burg, (heute Sky-Markt), angesiedelt.
Der Besitzer Georg Schacht war in Burg Eigentümer der Textil- bzw. Kolonialwarengeschäfte Grambow-Priesmeyer am Markt und Nielsen-Kietzmann an der Ecke Priesterstraße, außerdem baute Schacht gerade das erste Burger „Hochhaus" westlich vom heutigen. Amt Fehmarn. Mit den auf Jahre vorproduzierten, jetzt nicht akzeptierten Mauersteinen, ging der mutige Geschäftsmann Konkurs und der Kaufmann Bundiesr (E-Werk und Feuerwehrgründer) stieg mit dem Schachschen Brennmeister Otto Neuwohner ins Ziegelgeschäft etc. ein.
Der Rathausbau verzögerte sich um Monate, da auch der nächste Lieferant „Scheunensteine" und keine „Rathausqualität" lieferte, und erst mit dem dritten Ziegellieferanten wären die anspruchsvollen Herren zufrieden, dieser jedoch produzierte in Rathenaw bei Potsdam.
Auch die Dachziegelfrage war eine äußerst probate, Architekt Voß hatte seine architektonischen Vorstellungen und wich hiervon keinen Millimeter ab.
Schließlich fand man in dem fernen Ratibor in Schlesien eine Dachziegelbrennerei, die das gewünschte- Produkt in Form eines dunkelblauen Biberschwanzes in der Schwarzdom Brenntechnik hervorbrachte, diese wurden bei der Rathaus-Neubedeckung um 1980 ersetzt.
Jetzt schritten die Arbeiten zügig voran, es wurden überwiegend Burger Firmen berücksichtigt: die Zimmerarbeiten wurden Meister Eyberg übertragen, Wasserleitungsanlagen Gottlieb und Heinrich Steenbock, Glaserarbeilen Steig- und Albrechtr Malerarbeiten Weber und Wulf, Tischler Leffler und Kordt, sowie Schmiedearbeiten Spiekermann und Burr (Schwanenteich). Für die besonderen Rathausarbeiten wie Glasmalerei, Warmwasserheizung, Blitzableiter,
Turmdachspitzen und der Anfertigung von Ratssesseln im Sitzungssaal (durch das Möbelmagazin des Tischlersamts Altona), wurden Spezialfirmen verpflichtet.

Richtfest am 2. April, Rathaus Einweihung am 22. November 1901

Am 2.April 1901 war Richtfest- Die Verantwortlichen hatten soviel Geld ausgegeben, dass man mit persönlicher Bescheidenheit ein Vorbild geben wollte: 14 Personen waren beim Gastwirt Heinrich Liesenberg geladen, die eine Zeche von 72 Reichsmark durch „Butterbrote", 70 Liter Bier, drei Liter Kümmel und zwei Kisten Zigarren verursachten; die zahlreichen Freirunden von dem Vater des Senior Archivars Georg Liesenberg nicht mit eingerechnet.
Die Malermeister Weber und Wulf stellten jetzt zehn Wandergesellen ein, um den Einweihungstermin des 22 November 1901 mit vielen hoben auswärtigen Gästen halten zu können.
Am 22.11. 1901 der große Tag: 24 festlich gekleidete Schulmädchen standen Spalier am blumengeschmückten Portal des neuen Rathauses, als der um Fehmarn so verdiente Landrat Ernst Springer (Fähre, Eisenbahn), im Amt 1892-1919, die schönen Worte sprach:
„So stelle ich mir ein Rathaus vor, Der Gerechtigkeit eine Wohnstätte Der Stadt eine Zierde Dem Bürgersinn ein Wahrzeichen!"
Der bekannte Kunstmaler Burmester aus Kiel-Mältenort hatte das fast 380 Jahre alte Rathaus kurz vor dem Abbruch auf Kosten eines Burger Damenkreises auf ÖI gemalt.
Dieses Gemälde wurde nach der Weiherede des Bürgermeisters Matthias Lafrenz der Stadt Burg als Geschenk überreicht, so hängt es noch heute als schönste Zierde im Sitzungssaal.
Zum Abschluß der Feierlichkeiten mit zahlreichen Gesangseinlagen und vielen Glückwünschen überreichte eines am Rathausbau mitwirkenden Schmiedemeisters Töchterlein den auf einem Kissen aus Atlasseide gebetteten Stadtschlüssel mit den Worten:
"Aus Lindenkronen ragt das neue Haus weit über unsre Stadt hinaus. . Ein Bau geformt so stark und dauerhaft, ein Stadtbild Deutscher Treu und Kraft.
Was Bürgerfleiß und Bürgersinn vermag, bei festem Wollen hier tritt es an den Tag. Wenn Einigkeit des Hauses Grundstein legt, da hat vergebens. sich der Sturm geregt! So laß uns mit Gott dies Haus nun weih'n mög` es die Stätte des Friedens sein: .
Gieß, Herrgott, Deinen Segen aus, auf unsre Vaterstadt auf dieses Haus"!
Die Baukosten betrugen 117.000 Reichsmark, die 1923 mit der Inflation abgetragen waren. Architekt Carl Voß wurde Fehmaraner, er legte 1908. Schloß Glambek frei, baute 1909 den Wartturm auf Burgtiefe und gediegene Bürgerhäuser der Stadt, registrierte fehmamsche Kirchenbücher, verfaßte Stammtafeln und starb 84Jährig 1934 in seinem Voßhaus auf Burgtiefe.