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Briefe Weltkrieg II
Gesammelt von Annemarie Kerz und Else Bügge

Wulfen/Fehmarn, den 4.2.1946

 Meine liebe Annemarie!

    Inzwischen wirst Du sicher meinen ersten Brief bekommen haben. Heute will ich Dir erzählen was ich damals, im Mai 1945 unternahm und wie es mir ergangen ist.

     Am 6. Mai, als wir aus unserer Stellung in Bruch bei Brüx entlassen wurden und ich von Dir Abschied nahm, ahnte ich nicht, dass ich so schnell meine Flucht antreten mußte; wir kamen in ein Lager,- wir wussten nicht wo wir waren. Es schien als ob wir in einer Fabrik angekommen waren, wo wir mit Zwangsarbeitern zusammen arbeiten sollten. Die meisten Menschen die dort schon untergebracht waren sahen aus wie Skellette, halb verhungert und die Haare abgescheert. Dann bekam ich eine Panik und holte mir einen Pass, eine Genehmigung, dass ich zu einem Zahnarzt gehen durfte. Ich bekam die Genehmigung, dann gingen Schnäpferl [Elisabeth Hirt, aus Rottweil] und ich in Richtung Oberleutensdorf und wohnten bei der Familie Schicker. Die wollten uns überreden mit ihnen, uns in den Bergwerken zu verstecken, wenn die Russen kommen. Die ganze Nacht träumte ich von zu Hause und am nächsten Morgen erzählten wir von unsern Träumen. Heimlich hatte ich mich schon entschieden mich von der Schicker Familie zu trennen, denn ich wollte mich nicht in den Bergwerken verstecken lassen. –

Schnäpferl [Elisabeth Hirt, aus Rottweil, und ich hatten gerade am nächsten Tag große Wäsche, als Herr Schicker zu uns in die Waschküche kam und uns folgende Meldungen aus dem Brüxer Drahtfunk mitteilte:

1.)         Russische Panzerrudel haben das Erzgebirge erreicht.

2.)         Alle Frauen, auch mit Kinder sollen sich reisefertig machen. Zwei Decken und Esswaren mitnehmen.

3.)         Kurz darauf hörten wir wie in Brüx die Nachrichtenagentur vom Feind übernommen wurde, die deutschen Berichterstatter sollen aus dem Fenster geworfen sein, man hŐrte das Schießen und das Geschrei am Drahtfunk.

4.)         Daraufhin packten wir unseren Rucksack. – Unsere Wäsche war ja im Waschkessel. Frau Schicker gab uns noch etwas Zucker und aufgeloestes Butterfett mit. Sie gab mir eins ihrer alten Kleider. Aber ich behielt meine Uniform an. – Wir versuchten noch in die Holtschitzer Stellung zu kommen; aber es wurde uns nicht erlaubt. – Vor dem Gemeindehaus stand ein Auto mit dem fuhren wir noch bis Kaaden. Am anderen Tag kamen wir bis Karlsbad, wir warteten auf einen Zug, die Nacht blieben wir im Bahnhof; man sagte uns, daß kein Zug mehr fahren würde. So maschierten wir mit den anderen flüchtenden Menschen; viele Soldaten waren schon schwer verwundet und blieben am Wegrand liegen. Wir schliefen nachts auf dem Felde wenn wir nicht marschierten, immer ‘zum Amie’ hin sagten wir. Um uns herum leuchtete das Kanonenfeuer und das Krachen der Bomben. Ich hatte mich in meinem grossen Mantel versteckt und meine Flakmütze tief über die Ohren und Augen gezogen, so meinte ich, daß man mich für einen jungen Flakhelfer erkannte. Meine langen Haare hatte ich unter der Muetze gut versteckt.

5.)         Dann konnte man die Tanks sehen, die wie ein Schwarm von wilden Tieren über das Gebirge kamen. Man konnte nicht erkennen ob es Truppen oder Tanks waren. Bis jemand meldete: ‘das sind die Russen’, die mit ihren Tanks einen Kessel formen; ich wurde voller Angst entsetzt und ergriff den nächsten schwerverwundeten Soldaten, als dabei meine Muetze vom Kopf fiel und meine langen Haare mir über die Schultern fielen. Der Soldat erkannte, daß ich ein Mädchen war und er nahm mich tröstend in seine Arme und sagte: “Mensch Teddy, du bist ja ein Mädchen, habe man keine Angst, wenn die Russen kommen, dann erschieße ich uns beide, denn ich habe meinen Revolver noch in der Tasche. Dann wurde ich ganz ruhig und wir beide blieben zusammen. Er war von Magdeburg und er konnte Plattdeutsch schnacken, so hatte ich doch ein Vertrauen zu ihm, ich war ja von Fehmarn und auch eine Plattdeutsche. Zu der Zeit fing ich an seine Wunden zu wickeln, bis er schon soviel Blut in den Stiefeln hatte und seine Beine schon so geschwollen waren, daß er die Stiefeln nicht mehr ausziehen konnte. Aber er klagte nie.

6.)         Bald kamen wir in die amerikanische Gefangenschaft. Zwei Tage blieben wir in dem Kessel von grossen Panzern umgeben. Es gab kein Essen, die deutschen Soldaten hatten alle Waffen abgelegt. Man sah große Berge von deutschen Waffen. Wir waren alle beruhigt, daß wir nicht von den Russen und anstatt von den Amerikanern gefangen genommen wurden. Langsam ahnten wir, daß man von dort in der Nacht flüchten konnte, wir maschierten bis nach Königsberg an der Eger. Hier wurden wir getrennt, die schwer bewaffneten Amerikaner meinten, dass ich wohl ein Spion wäre, weil ich English verstand. Die amerikanischen Soldaten führten mich in eine Villa, wo sie mir Befehle gaben mich zu waschen. Die Soldaten standen alle wie Affen herum um mich zu beobachten, dann nahmen sie mich in den Keller wo all das Hab und Gut von der deutschen Familie, die dort einmal gewohnt hatten in Kisten und Kasten verpackt war. Ich sollte mir etwas Kleidung aussuchen, damit ich nicht mehr wie ein deutscher Soldat erscheinen würde. Ich behielt alles was mein war und zog eine weiße Jacke an, die mir paßte. Ein Amerikaner, der perfekt deutsch sprach warnte mich, dass ich mich völlig ergeben sollte und alles tun was er sagte, denn die anderen Soldaten würden mich allesamt vergewaltigen. Sobald sprang der Soldat hervor, der mich gefangen genommen hatte und nahm mich in ein Zimmer nach oben wo er mich wirklich vergewaltigen wollte, er hatte einen Wiskey Geruch an sich und seine Pistole zeigte er mir mit dem Bild seiner Schwester, er legte die Pistole auf den Nachttisch und ahnte nicht, daß ich mein Auge auf seine Pistole hatte und im Kampf mit dem besoffenen Amerikaner ergriff ich die Pistole und dann erwachte er aus seinem Suff. Die Pistole war nicht geladen sonst ware er und ich wohl beide tot, denn auf einmal wurde er nüchtern und wusste, dass ich lieber sterben würde ehe ich mich hingab. Von dem Moment an bewachte er mich mit eifersüchtiger Wut. Keiner von den anderen Soldaten durften mit mir reden, der Soldat hat mich nicht wieder angefaßt; aber er hielt Wache, bis ich morgens in der Früh ins Badezimmer ging und aus dem Fenster kletterte und mich so selber retten konnte.

7.)         Jetzt kam ich in ein Flüchtlingslager, mit einem Pfarrer ging ich am anderen Tag wieder in die Villa, und verlangte meine Sachen die die Amerikaner gestohlen hatten. Der Ami sagte zu mir, oh du sollst doch mein Fräulein sein. Nur meinen Pass erhielt ich, alles andere behielt der Ami. - Mit 70 Personen bewohnten wir ein Zimmer. Einen halben Liter Wassersuppe war unsere tägliche Verpflegung, das machten pro Tag 1.- Reichsmark, und ich hatte kein Geld mehr. Die Not zwang mich zur Flucht. Am 25.5. in der Nacht verließ ich mit einer jungen Frau Martha Nehring [sie war aus Oberschlesien], das Lager und zusammen maschierten wir in Richtung Franzensbad, wir benutzten nur die Feldwege, so hatten wir Glück, dass uns kein Tscheche sah. Abends um ½ acht Uhr ueberschritten wir bei Wildstein die Grenze. Nachts konnten wir in einer kleinen Zelle übernachten, wo man früher Gefangene einsperrte. Trotz der vielen Flöhe und Wanzen schliefen wir doch fest; wir waren in Deutschland. Am anderen Morgen fuhren wir mit einem Lastauto bis Aadorf/Voigtland zehn km. waren es noch bis zum nächsten Lager in Oelsnitz, bis dahin maschierten wir wieder. Im Flüchtlingslager von Oelsnitz angekommen, da gab es eine Mahlzeit mit Reis und Gemüse, wir lagen wie die Tiere, eng nebeneinander auf Stroh. Dies war einst eine Schule gewesen. Das ganze Lager war eingezäunt mit hohem Stacheldraht, wir waren froh, dass wir es soweit gebracht hatten und liefen in der Stadt herum um am nächsten Tag weiter zu gehen. Abends um 5 Minuten nach 9 wurden wir vom Ami MP verhaftet und kamen in ein Gefängnis, am nächsten Morgen durften wir im Hof herumlaufen. Da lernte ich eine Frau kennen die mit einem hoch rankigen deutschen General verheiratet war und zwar war er von Luebeck und hieß Niederegger. Sie erzählte wie sie es mit ansehen mußte, als man ihren Mann zu Tode quälte. Er durfte nicht zur Toilette und mußte sich auf seiner Bekleidung ausleeren. Was sie mir weiter erzählte war entsetzlich. Martha und ich wurden noch an dem Morgen entlassen. So gingen wir wieder in das Lager. Viele Frauen und Kinder sind dort in dem Lager am lebendigen Leibe verhungert oder erkrankten an Typhus, Colera und die Ruhr. Ein Ami war hinter dem Stacheldraht und hielt Wache. Manchmal warf er uns Schokolade über den Zaun. Er wollte sich mit mir befreunden und bald merkte er, daß ich englisch verstand. Am nächsten Tag wurde auch ich krank, Martha sagte dem Ami, daß ich  krank war und er schleichte was zu essen für mich. So befreundeten wir uns “Billi Ferrara von New Jersey”, der wirklich ein weiches Herz hatte und obgleich die Amies nicht mit uns reden durften, gab es viele Amerikaner, die das Sterben und Leiden in unserem Lager nicht gerne mit ansahen. “Bill Farrara” und ein Soldat “Manley”, die beiden hatten einen Plan und sagten uns, daß morgen diese ganze Gegend den Russen übergeben wird und die Amerikaner würden abziehen. Wir sollten uns sofort auf die Flucht begeben. Wenn man die Ruhr hat hat man den blutigen Durchfall, der gar nicht aufhört.- Am 14. Juni war ich einigermaßen gesund und wir machten uns wieder auf den Weg. Bis Stassfurt kamen wir mit einem Lastauto. Dann am 15.6. bis Magdeburg, am 16.6. bis Braunschweig. Dann ließen meine Magenkrämpfe ein “Weiterfahren” nicht mehr zu. Am 19.6. ging  unsere Reise weiter, über Ueltzen, Soltau, ich glaube dort konnten wir in einem Salzbergwerk übernachten. Dann ging’s nach Hamburg, wir durften nicht über die Elbe und die Leute versteckten uns unter ihren Musikinstrumenten und so konnten wir in Hamburg übernachten. In der Villa, wo “Christina Soederbaum, die Schauspielerin” einmal gewohnt hatte. Die Möbel waren alle zerschlagen und wir waren froh, daß wir dort unterkamen, dann ging es weiter mit dem Lastauto nach Lübeck, Neustadt. Das war die Endstation und wir mußten uns von unseren Gastgebern scheiden, denn sie wollten in einem Flüchtlingslager Musik spielen. Die Männer waren alle Musiker, nur einer war ein fliehender “NAZI”, einer ein blonder, blauäugiger Mulatte und waren aus Konzentrationslagern entlassen worden, als der Krieg zuende war.-

8.)         Wie sich in Deutschland auf einmal vieles änderte, es war unglaublich. Ich begegnete Juden die ihre unglaublichen Geschichten erzaehlten und den Krieg als Zwangsarbeitern in einem KZ überlebten. Wem wurde es gegönnt die schrecklichen Kriegsjahre zu überstehen und als Deutsche Staatsangehörige erfuhr man auf den Straßen Geschichten die man sonst in Zeitungen nie gelesen hatte.

9.)         In Neustadt wurden wir von einer freundlichen Familie aufgenommen und man bekam etwas zu essen. Wir durften in der Stube auf einem Stuhl sitzen und während der Nacht auf einem Stuhl schlafen. Wir waren sehr dankbar. Uns erzählte man die ganze Geschichte von der letzten Seeschlacht der Deutschen Flotte, die in der Ost See vom Feind gesunken wurden. Neustadt war damals von den Engländern besetzt und sie erlaubten das “Plündern”, einige der Schiffe hatten noch nackte Konzentrationslager Insassen an Bord und die kamen in die Häuser und raubten von den Einwohnern was sie stehlen konnten. Es soll ganz schrecklich gewesen sein. Wir maschierten in Richtung Fehmarn über Oldenburg bis nach Grossenbrode. Da waren natürlich englische Truppen, die wollten uns eine Überfahrt nach Fehmarn nicht erlauben. Die Engländer erzählten mir, daß die Insel ein Gefängnis für die gefangenen Deutschen Matrosen sei. Als sie merkten, daß ich english konnte hatte man Mitleid mit uns und sie fuhren uns in einem deutschen Marineschiff rüber nach Fehmarnsund.

10.)    Wir gingen zu Fuß weiter, über das Geleis wo ich früher mit dem Zug fahren konnte. Alles war in Stillstand gelegt. Bis ich derartig von Schock und Kraftlosigkeit zusammenfiel und ohnmächtig umkippte. Als ich wieder zur Besinnung kam, standen zwei Matrosen bei uns und wollten uns helfen. Ja, sagte der eine Matrose, in Wulfen ist eine Frau Bügge, die jeden Tag einen Kessel Suppe kocht für halb verhungerte Matrosen, die wird euch bestimmt helfen. Ja, dachte ich ob das wohl meine Mutter ist? Nun kamen wir in Wulfen an und klopften an die vordere Haustür, die meine Schwester Emmi öffnete und sie schrie: “Es ist Else!” Dann gab es natürlich ein Weinen und ein Umarmen. Meine Angehörigen hatten die schreckliche Nachricht von der Regierung erhalten, daß ich vermißt sei, im Dienst für’s Vaterland in der Tschechoslowakei.

11.)    Es war am 21. Juni 1945, als ich endlich wieder bei meinen Angehörigen war. Unser Haus war voller Flüchtlinge, ich ähnelte einem verkommenen Zigeunerkind. Martha Nehring wurde von meinen Eltern auch warm empfangen! – Jetzt habe ich mich schon sehr gut erholt. Aber Arbeit habe ich immer noch nicht. Ich lerne jetzt jeden Tag ‘englisch’. Ein junger Professor aus Bamberg kommt in unser Haus und gibt mir privat Unterricht.

 

Herzlichst Deine Freundin Else Bügge
eb-wood@netwalk.com